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Gurtpflicht: Anschnallen, bitte!

28 Dezember, 2025

autofahrerinDie Einführung der Gurtpflicht am 01. Januar 1976 löste in der damaligen Bundesrepublik Empörung aus. Kostspielige

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Kampagnen sollten die hadernde Bevölkerung von der neuen Sicherheitstechnologie überzeugen und so die erschreckend hohe Zahl der Verkehrstoten reduzieren.

Es gibt Anekdoten, die klingen mit einigen Jahren Abstand fast zu unglaublich, um wahr zu sein. Doch sie sind passiert. Der Klopapier-Engpass im Februar 2020 zum Beispiel, als die Corona-Pandemie zu Hamsterkäufen und in der Folge zu leeren Toilettenpapier-Regalen in ganz Deutschland führte, ist so ein Beispiel. Und auch in der deutschen Automobil-Geschichte gibt es ein Exempel:
Nämlich den Glaubenskrieg, der vor 50 Jahren tobte, als zum 01. Januar 1976 in Westdeutschland die Gurtpflicht auf den Vordersitzen eingeführt wurde.

Aus heutiger Perspektive ist es kaum noch nachzuvollziehen, doch in den 70er Jahren fuhren die meisten Menschen tatsächlich Auto, ohne angeschnallt zu sein. Lediglich fünf Prozent der Fahrerinnen und Fahrer legten 1972 den Sicherheitsgurt an. Der Grund dafür, auch wenn es heute zumindest irritierend klingt:
Für viele bedeutete das Anlegen des Sicherheitsgurtes eine Einschränkung der persönlichen Freiheit. Die Anschnall-Aversion war derart groß, dass bei einer Studie, die das Bundesverkehrsministerium 1974 zum Thema erstellen ließ, die beteiligten Psychologen von den Befragten zum Teil heftig beschimpft wurden.

Anfang der Siebziger war nur rund ein Drittel der Fahrzeuge überhaupt mit einem Gurt ausgestattet. Das änderte sich, als ab dem 1. Januar 1974 neue Autos in Westdeutschland auf den Vordersitzen mit Sicherheitsgurten ausgestattet sein mussten. In der DDR galt die Regelung bereits seit 1970. Nutzen wollte das Sicherheitsfeature im Westen jedoch zunächst kaum jemand. Wer sich um seine Sicherheit im Pkw sorgte, galt als ängstlicher Spießbürger.

Um diese Einstellung zu ändern, gab es etliche Pro-Gurt-Werbekampagnen. „Könner tragen Gurt“ lautete etwa der Slogan des Deutschen Verkehrssicherheitsrates. Insgesamt wurden zu dieser Zeit etwa acht Millionen D-Mark in Werbung für den Sicherheitsgurt investiert. „Erst gurten, dann starten" lautete weiterer bekannter Slogan. Im November 1974 lief zudem in der "ARD" die TV-Show „Mit Gurt und ohne Fahne“ an, moderiert von Frank Elstner. Eine Fernsehsendung, die vor allem dazu beitragen sollte, die Bereitschaft zum Anschnallen zu erhöhen. Hintergrund war die schockierend hohe Zahl an Toten im Straßenverkehr zu dieser Zeit. Rund 20.000 Menschen wurden 1970 auf deutschen Straßen getötet; ein trauriger Rekord, und auch in den Folgejahren blieb die Zahl der Toten im Straßenverkehr extrem hoch.

Dennoch blieb das Gros der Autofahrerinnen und Autofahrer stur, wenn es ums Anschnallen ging. Die Sorge, angeschnallt aus einem brennenden oder im Wasser versinkenden Fahrzeug nach einem Unfall nicht mehr entkommen zu können, überwog bei vielen in der Abwägung mit den erwiesenen Sicherheitsvorteilen, die ein Gurt bei herkömmlichen Unfällen bot. „Gefesselt ans Auto“ titelte das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ im Dezember 1975 und griff so die Stimmung im Land auf. Die Gurtpflicht auf den Vordersitzen kam dennoch. Am 1. Januar 1976 trat sie in Kraft. Und die mediale Aufmerksamkeit war gigantisch. TV-Teams warteten zu Beginn des Jahres an Ampeln, befragten die Menschen in ihren Fahrzeugen zur neuen Regelung – und dokumentierten, ob sie angeschnallt unterwegs waren.

Tatsächlich ignorierten etliche Fahrerinnen und Fahrer die neue Regelung. Was wohl auch daran lag, dass eine Missachtung der Anschnallpflicht keine Folgen hatte, ein Bußgeld war nicht vorgesehen. Noch 1979 war, wie Erhebungen ergaben, etwa die Hälfte der Autofahrerinnen und -fahrer unangeschnallt unterwegs. Erst als 1984 ein Bußgeld in Höhe von 40 D-Mark für das Fahren ohne angelegten Gurt eingeführt wurde, änderte sich das Verhalten. Die Anschnall-Quote stieg innerhalb weniger Monate auf mehr als 90 Prozent. Die Zahl der Verkehrstoten wiederum sank deutlich in der Folge deutlich: 8400 Menschen kamen im Jahr 1985 auf deutschen Straßen zu Tode.

Es ist eine Entwicklung, die viel früher hätte einsetzen und zahlreiche Menschenleben hätte retten können. Denn die Idee des Sicherheitsgurts war damals schon lange bekannt. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde er erstmals in einem Fahrzeug eingesetzt – allerdings nicht in einem straßenzugelassenen Pkw, sondern im elektrischen Geschwindigkeitsrekordwagen „Baker Torpedo“. Das Projekt endete am 31. Mai 1902 dennoch tragisch, denn beim Rekordversuch auf Staten Island bei New York brach eine der Holzfelgen, so dass der Wagen in die Zuschauer raste. Zwei Menschen starben, die beiden angegurteten Insassen des Fahrzeugs blieben jedoch unverletzt.

Auch in Deutschland war der Sicherheitsgurt bei Einführung der Anschnallpflicht vor 50 Jahren schon lange bekannt. Ab 1957 bot Mercedes-Benz als erster deutscher Hersteller einen Beckengurt als Sonderausstattung im Flügeltürer-Modell 300 SL Roadster an: für einen Aufpreis in Höhe von 110 Mark je Gurt. Bereits im darauffolgenden Jahr gab es das Sicherheitsextra in allen Modellen von Mercedes-Benz als Zusatzausstattung. Während Mercedes auf den Beckengurt setzte, stellte die schwedische Marke Volvo zur gleichen Zeit den ersten Dreipunktgurt vor – jenen Gurt, dessen Nachfolger bis heute standardmäßig in jedem Auto serienmäßig eingebaut ist. Am 29. August 1958 wurde das System in Schweden zum Patent angemeldet. Verantwortlich dafür war Nils Ivar Bohlin, ein ehemaliger Flugzeugingenieur, der sich zuvor mit Schleudersitzen und Pilotengurten beschäftigte – und den der schwedische Autokonzern Volvo kurzerhand abwarb.

"Bohlin" entwickelte für dieAutomarke Volvo den Dreipunktgurt:
Ein System, das „sowohl den Oberkörper wie auch den Unterkörper in physiologisch günstiger Weise festhält und leicht an- und abkuppelbar ist“, wie der Entwickler seine Erfindung damals beschrieb. Den Namen hatte das Sicherheitsfeature daher, dass der Gurt an drei Punkten mit der Fahrzeugkarosserie verbunden war. Um den Sicherheitsgewinn des neuen Systems zu untermauern, inszenierte Autobauer Volvo im Vorfeld der IAA 1959 auf dem Frankfurter Messegelände einen Stunt, bei dem sich ein Fahrer mit einem Volvo PV 544 gleich viermal überschlug – und dank des Sicherheitsgurtes anschließend unverletzt aus dem Fahrzeug ausstieg. Bereits 1959 wurden die ersten Volvo-Modelle serienmäßig mit einem Dreipunktgurt ausgestattet: die Mittelklasse-Wagen PV 544 (Buckel-Volvo) und P 120 (Amazon). Drei Jahre später waren in Schweden mehr als drei Viertel der neuen Autos mit Gurt ausgestattet.

Auch in Deutschland wurde die Sicherheitstechnologie weiter vorangetrieben. 1981 etwa präsentierte Mercedes-Benz auf dem Auto-Salon in Genf für die S-Klasse einen Gurtstrammer und führte die bis heute gängige Sicherheitstechnik in die Serienproduktion ein. Bereits seit 1973 hatte Automobilhersteller Mercedes-Benz alle Pkw-Modelle serienmäßig mit einem Dreipunkt-Gurt an den Vordersitzen ausgestattet. Ab 1979 war auch der Fond immer mit Gurten versehen. Bis jedoch auf den Rücksitzen alle Plätzen mit Anschnallmöglichkeiten ausgestattet sein mussten, vergingen noch mehr als 20 Jahre. Denn erst zum 01. Juli 2004 mussten in Deutschland auch auf allen Fondplätzen Dreipunktgurte zur Verfügung stehen. Bis dahin wurde auf dem mittleren Sitz in Reihe zwei die Nutzung eines Beckengurtes geduldet.

Heute ist der Griff zum Gurt zur Intuition geworden. Die Anschnallquote liegt mittlerweile bei 98 Prozent. ampnet/aum

Bildquelle: kfz-auskunft.de/ub

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