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Motorradtest Aprilia Dorsoduro 1200 - Das Unvernunft-Motorrad

19 Mńrz, 2012

Motorradtest und technische Daten des Funbikes Aprilia Dorsoduro 1200: Aprilia hat die 1200 Dorsoduro gr├╝ndlich ├╝berarbeitet. F├╝r den V2-Motor mit 96 kW/130 PS stehen drei Programme zur Verf├╝gung, mit denen sich die Motorcharakteristik vorw├Ąhlen l├Ąsst.

Der ├ätna hat sich in dunkle Wolken geh├╝llt, die Stra├čen sind vom veritablen Sturzregen des Vortags noch gew├Ąssert und die Temperaturen liegen weit unterhalb zweistelliger Gradzahlen: alles andere als eine gute Voraussetzung f├╝r die Vorstellung der ├╝berarbeiteten Aprilia Dorsoduro 1200, dem Italo-Funbike mit 96 kW/130 PS starkem Zweizylinder-V-Motor und Landstra├čen-sportlichem Fahrwerk.
Rassig f├Ąllt die Funbike-Optik aus, die sich auf eine schmale Sitzbank, eine puristische Silhouette mit seitlichen, kantigen Lufthutzen und avantgardistischen Handprotektoren reduziert. Versierten Dorsoduro-Kennern fallen das neue Strukturfinish der vorderen Radabdeckung und die modifizierten Kunststoffabdeckungen der Schalld├Ąmpfer sowie der leichtere Kennzeichenhalter aus Kunststoff auf. Die weniger Aprilia-Affinen finden im modernen Verbundrahmen aus Stahl-Gitterrohr mit Leichtmetall-Gussteilen ihren Hingucker. Das seitlich liegende Federbein mit gelber Feder unterstreicht den puren Technik-Look, den die edle Anmutung der goldenen Upside-Down-Gabel an der Front abrundet.
Inmitten des technisch angehauchten Ambiente findet sich das Herzst├╝ck des Landstra├čenj├Ągers, der potente fl├╝ssigkeitsgek├╝hlte 90-Grad-V-Motor mit knapp 1 197 Kubikzentimeter Hubraum. Wird dieses hochmoderne Aggregat mit Vierventiltechnik, zwei obenliegenden Nockenwellen und doppelten Einspritzd├╝sen je Zylinder zum Leben erweckt, brabbelt es unheilverk├╝ndend aus den beiden Schalld├Ąmpfern unterm Heck. Jeder Gassto├č wird mit heiserem Bellen beantwortet, das nach mehr verlangt und zum Aufsitzen dr├Ąngt beachtliche 96 kW/130 PS Maximalleistung und ein b├Ąriges Drehmoment von 115 Newtonmetern wollen hier eingesetzt werden.
Doch die Bedingungen legen Vorsicht nahe, also wird vor dem Losfahren aus den drei zur Verf├╝gung stehenden Motorcharakteristiken sicherheitshalber der ?Rain?-Modus aktiviert: Hier stehen lediglich 74 kW/100 PS zur Verf├╝gung, das Ansprechverhalten f├Ąllt defensiv, aber auch etwas verz├Âgert aus. Das macht nur wenig Spa├č, und so schaltet man schon nach wenigen Kilometern auf ?Touring?. Dann galoppieren alle 130 Cavalli, doch mit domestiziertem Einsatz. Ein Versuch im ?Sport?-Modus entlarvt das wahre Gesicht der 1200er als aggressiv und angriffslustig. Dann beschleunigt die feurige Italienerin brachial, die Lastwechselreaktionen bei Gaswechseln fallen jedoch unangenehm ruppig aus.
Die Umsetzung der Gasgriffbefehle erfolgt bei Tour und Sport trotz elektronischer Ride-by-wire-Steuerung fast verz├Âgerungsfrei, spontan und direkt. Der gro├če V-Motor h├Ąngt prima am Gas. Besonders das enorm breite nutzbare Drehmoment ab 2 500 Umdrehungen macht Laune, und die fette Drehzahlmitte kann begeistern. Dass es oben herum nicht mehr ganz so spritzig zugeht, l├Ąsst sich da locker verschmerzen.
Ein weiteres elektronisches Helferlein ist die dreistufige Traktionskontrolle ATC, segensreiche Erfindung auf dem vom ├ätna-Staub und dem Winterregen rutschigen Asphalt. ├ťber den Bedienknopf am linken Lenkerende l├Ąsst sie sich einstellen oder ganz abschalten. In Stufe 1 greift die ATC f├╝r eine sehr sportliche Fahrweise recht sp├Ąt ein, in Stufe 2 regelt sie schon fr├╝her und die Stufe 3 macht relaxtes Fahren m├Âglich. Auf den Strecken rund um den 3 300 Meter hohen Vulkan flackert die gelbe Signalleuchte praktisch an jedem Kurvenausgang auf und k├╝ndet optisch den Regelvorgang an. Neu an der Traktionskontrolle ist die geregelte Wiederfreigabe des Drehmoments nach einem Wheelie entsprechend der eingestellten Stufe, was das Vorderradlupfen noch sicherer macht. Am Fu├če des ├ätna tr├Ągt die ATC jedoch in erster Linie dazu bei, das Drehmoment am Kurvenausgang fast bedenkenlos goutieren zu k├Ânnen.
Auf diesem verwinkelten Kurvengel├Ąuf erfreut das Dorsoduro-Fahrwerk dank neuer R├Ąder mit besonderer Agilit├Ąt: Satte 2,3 Kilo sparen die neuen Leichtmetallfelgen an rotierenden Massen und entsprechenden Tr├Ągheitskr├Ąften ein, die 1 200er-Maschine l├Ąsst sich mit spielerischer Agilit├Ąt in s├Ąmtliche Ecken einlenken und durch gemeine Wechselkehren hetzen. Insgesamt spart die neue Dorsoduro drei Kilo gegen├╝ber der Vorg├Ąngerin ein und bringt sie beim Trockengewicht von 209 Kilo bis auf ein Kilo an die 750er Dorsoduro heran, die nur 208 Kilo wiegt. Damit einher geht eine sanftere Grundabstimmung der komplett einstellbaren Federelemente. An Stabilit├Ąt hat die Neue jedoch nichts eingeb├╝├čt. F├╝hren die aufgeschnallten Pirelli Diablo Rosso II bei langsamer Fahrt noch ein leicht gew├Âhnungsbed├╝rftiges Eigenleben, so liegt die Aprilia bei zunehmendem Tempo sehr nachvollzieh- und kontrollierbar. Dann sorgen auch die knackigen, aber nicht durchweg transparent agierenden Brembo-Stopper f├╝r einen artgerechten Fahr- und Stoppgenuss, dank abschaltbarem Bosch-ABS gerade auf dem schl├╝pfrigen Terrain ein vertrauenerweckendes Sicherheitsfeature. ├ťbrigens nicht nur hierzulande ? auch im Heimatland Italien - wird die Dorsoduro 2012 nur noch mit ABS und ATC ausgeliefert, nachdem im Vorjahr dort die ABS-Auslieferungsquote unerwartete 80 Prozent betrug.
Komfort ist relativ die aufrechte, Lenker-orientierte Sitzposition ist ideal zum Angasen im Kurvenrevier, aber keineswegs langstreckentauglich. Soziuskomfort? Spielt eine untergeordnete Rolle. Reichweite? Bei 15 Liter Tankvolumen und einem exorbitanten Durst sollte man sich vor Antritt der Fahrt ├╝ber die Dichte des Tankstellennetzes erkundigen. Aber: Dieses Motorrad will gar kein Kompromiss f├╝r ein m├Âglichst gro├čes Publikum sein. Die Dorsoduro 1200 ist durch und durch unvern├╝nftig und nur etwas f├╝r Menschen, die ein grandioses sportliches Fahrerlebnis auf der Landstra├če suchen, Wert auf edle Details und sauberes Finish bei innovativen Technologien legen und den Euro nicht zweimal herumdrehen wollen. F├╝r diese exklusive Klientel gibt es kaum eine Alternative zur 12.990 Euro teuren Aprilia Dorsoduro 1200. Thilo Kozik/mid
Technische Daten: Aprilia Dorsoduro 1200
Stra├čenmotorrad mit fl├╝ssigkeitsgek├╝hltem 90-Grad-Zweizylinder-Viertakt-V-Motor, dohc, vier Ventile je Zylinder, Hubraum 1 197 ccm, Bohrung x Hub 106,0 x 67,8 mm, max. Leistung 96 kW/130 PS bei 8 700 U/min, max. Drehmoment 115 Nm bei 7 200 U/min, elektronische Kraftstoffeinspritzung, geregelter Katalysator, Sechsganggetriebe, Hybridrahmen aus Stahl-Gitterrohr und Alu-Gussprofilen, Upside-Down-Telegabel, Aluminium-Zweiarmschwinge mit seitlich montiertem Federbein, Reifen vorn 120/70 ZR 17, hinten 180/55 ZR 17, Doppelscheibenbremse vorn, Einzelscheibe hinten, ABS, Sitzh├Âhe 870 mm, Tankinhalt 15 Liter, Trockengewicht 209 kg, Preis 12 990 Euro. rkm/mid Bildquelle: Aprilia

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