Kraftstoffe
 

Kraftstoffe der Zukunft - Alternativtreibstoff


Die Kraftstoffe der Zukunft. Bis 2020 hat sich Schwedens Regierung vorgenommen, erstes Land der Welt zu sein, das sich vom Erdöl völlig loslöst. Alternativtreibstoff - Schwedische Schnapsidee als Vorbild?

Worüber viele bis jetzt nur reden, wird in Schweden Realität: Das Land koppelt sich durch neue Technologien vom Erdöl ab. Ein Zukunftsmodell auch für Deutschland?

Ironie der besonderen Art: Ausgerechnet Schweden, das durch hohe Steuersätze auf Schnaps, Wein und Bier die Trinkfreudigkeit seiner Bevölkerung im Zaum halten will, setzt jetzt voll auf Alkohol und fördert den Konsum der chemisch als Ethanol bezeichneten Substanz staatlich sogar an Tankstellen im ganzen Land. Allerdings soll dieser Schnaps nicht durch skandinavische Kehlen rinnen und den traditionellen Hang zum übertriebenen Feiern in neue Höhen schrauben, sondern im Treibstofftank der Autos landen.
Schwedens Regierung hat sich vorgenommen, bis 2020 erstes Land der Welt zu sein, das sich von der Droge Erdöl völlig loslöst. Das soll vor allem durch die riesigen Holzvorkommen des Landes gelingen, die man mit neuesten Technologien nachhaltig zu Bio-Treibstoff verarbeiten will. Erst seit kurzem ist es nämlich möglich, aus Zellstoff, der in Holz, Stroh und allen Bio-Abfällen vorkommt, durch Enzyme kostengünstig Zucker und daraus Alkohol zu gewinnen.
"Flexifuel" (Tankstellen-Kürzel E85) ist dabei das Zauberwort der Stunde: ein Gemisch aus 85 Prozent Ethanol (also reinem Alkohol) und 15 Prozent normalem Benzin. Für diese Art von Kraftstoff braucht es zwar speziell angepasste Motoren, weil der Sprit aggressiver ist, der Aufwand ist allerdings weit von jenem entfernt, der für Wasserstoff-Antriebe und Erdgas-Aggregate notwendig ist. Und auch die nötigen Umbauten an den Tankstellen sind minimal.
In Schweden kostet ein Auto, das mit fast jeder beliebigen Mischung aus Ethanol und Benzin fahren kann, derzeit ungefähr so viel wie ein vergleichbarer Diesel-Pkw. Volvo-Sprecher Christer Gustafsson im Interview: "Der Unterschied etwa bei einem Volvo S40 macht gerade einmal 200 bis 300 Euro aus, dafür ist der neue Treibstoff nicht nur billiger, sondern extrem umweltschonend, und nebenbei bringt der Motor auch noch ein paar PS mehr Leistung" (bei etwas höherem Verbrauch).
Tatsächlich entsteht beim Verbrennen im Vergleich zu reinem Benzin 80 Prozent weniger vom Treibhausgas CO2. Dass das staatlich geförderte Programm bei den Schweden ankommt - billigerer Sprit, keine Stadtmaut für Stockholm, Park-Vergünstigungen - zeigen die Zahlen: Allein im März waren bereits 15 Prozent aller neu zugelassenen Fahrzeuge solche Umweltautos (die hauptsächlich Ford, Saab und Volvo anbieten). Und Saab stellte kürzlich sogar sein erstes Flexifuel-Cabrio vor.
Schwedens Regierung freut es, denn schon jetzt, wo die Ölpreise gerade wieder neue Rekorde schaffen, macht sich das Programm, in das auch die Industrie eingebunden ist, im Staatshaushalt und in der Wettbewerbsfähigkeit positiv bemerkbar.
Alles, was bisher Erdöl benötigt hat, auf Ethanol umzustellen ist allerdings nicht die Energie-Lösung für alle Länder dieser Welt. Obwohl Brasilien seit den 70er Jahren vorexerziert, wie weit man dabei gehen kann. Das Land hat bisher Zuckerrohr aus seinen gigantischen Plantagen zu Biosprit verarbeitet und kann mit seinen riesigen Anbauflächen dadurch recht gut auf Benzin verzichten. Schweden hingegen wird für seinen Öl-Ausstieg bis 2020 einen hohen Preis zahlen: Die Atomkraft muss wieder forciert werden, um die Industrie mit Öl freier Energie zu versorgen. Und Umweltexperten fragen sich angesichts dieser Aussichten, was das geringere Übel ist.
Aber es gibt andere Länder, die das Glück haben, über sehr viel Wasserkraft zu verfügen und brachliegende Anbauflächen durch Landwirte nutzen könnten, um auf ähnliche Weise die ersten echten Schritte in die "Öl-Unabhängigkeit" zu tun. T. Micke




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